2006-11-11

Israel verteidigen - Anmerkungen zum 9. November

from never again [Bonn]

Der 9. November 1938 war wie ein Schicksalstag für all jene deutsche und europäische Juden, die sich bis dahin und in der Folgezeit nicht den Fängen des nationalsozialistischen Terrors hatten entziehen können. Denn er markierte nicht nur den vorläufigen Höhepunkt volksgemeinschaftlicher Selbstfindung, sondern gleichzeitig einen qualitativen Sprung des allgegenwärtigen Antisemitismus: Dessen eliminatorisches Wesen hatte sich bis 1933 vor allem anhand von Pogromen offenbart, als mehr oder weniger spontaner Ausdruck eines irrationalen Volkszorns gegen die Juden, den personifizierten Inbegriff des Anderen, des Feindes, des Ritualmörders, des Wucherers und Zersetzers, des Kommunisten und Kapitalisten in einer Gestalt. Aber bereits die umfassende Klassifizierung, Entrechtung und gesellschaftliche Marginalisierung der deutschen Juden in der Frühphase des Nationalsozialismus ließ erahnen, dass der zum deutschen Selbstverständnis geronnene Antisemitismus alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen sollte. Die reichsweiten Novemberpogrome stehen symbolisch für den Wandel und die Modernisierung der massenmörderischen deutschen Raserei – vom richtungslosen, emotionalen Judenhass zum geregelten und bürokratisierten „Antisemitismus der Vernunft“. Statt als Schutzherr oder Nutznießer des Volkszorns trat der Staat nun als maßgeblicher Akteur und Vollstrecker der Vernichtung auf. Der 9. November 1938 war die quasi-plebiszitäre Legitimationsgrundlage der mit dem deutschen Überfall auf Polen begonnenen und ab 1942 minutiös durchgeführten Ermordung der europäischen Juden.

Auschwitz hätte – jenseits von allen Versuchen, dem Unsäglichen einen Sinn zu geben – einige elementare linke Gewissheiten begründen müssen: Nämlich Antisemitismus nicht länger als einen „Antikapitalismus der dummen Kerle“ (August Bebel) zu verharmlosen, ihm somit gar noch einen eigentlich positiven Kern zuzusprechen, dem nur durch genug Agitprop zur Entfaltung verholfen werden muss, sondern nüchtern zu konstatieren, dass das, was in den Vernichtungslagern sich unendlich grausam vollzog, schon im geschmacklosen Witz und im haltlosen Ressentiment gegenwärtig ist: der gleichzeitige Wunsch und Wille, die Juden, alles Jüdische zu beseitigen. Aus diesen Gewissheiten hätte folgen müssen, dass die geschichtsphilosophischen Parolen des Klassenkampfes zusammen mit den Opfern des nationalsozialistischen Wahns zu Grabe getragen worden waren und dass es nie wieder einen positiven Begriff des Volkes oder sonstiger kollektiver, das Individuum restlos absorbierender Identitäten geben darf. Stattdessen stand schon bald die gedankenlose, dafür umso pathetischere Identifikation mit all jenen an der Tagesordnung, die sich im Kampfe opfern – warum und wofür war dabei erst einmal nebensächlich, denn das Mittel heiligte den Zweck. Dass grade die antisemitischen Banden panarabischer oder islamischer Couleur dem prototypischen deutschen und europäischen Nachkriegslinken bis in die Gegenwart als Projektionsfläche dienen, zeugt also von einer bruchlosen ideologischen Abdichtung gegen jede Erfahrung.

Die konsequente Befolgung des politischen Testaments des Nationalsozialismus wird heute in widerspruchsfreier Reinheit von Seiten der islamistischen Bewegungen vollzogen. Hier hat das Leben keinen individuellen Wert und Zweck, sondern einen höheren Sinn, der sich im Zweifelsfall darin offenbart, sich inmitten von Zivilisten in die Luft zu sprengen. Der Islamismus in Gestalt von Hamas und Hizbollah, der ägyptischen Muslimbrüder und des iranischen Präsidenten ist die Sakralisierung nationalsozialistischer Sinngebung und das Selbstmordattentat die zeitgemäße Form des antisemitischen Vernichtungswillens: Denn wenn auch der Djihad im Irak täglich dutzende Muslime tötet, so gilt er doch einer halluzinierten zionistischen Weltverschwörung und deren angeblichen Agenten, als welche sich die verschiedenen muslimischen Gruppen wechselseitig denunzieren. Das bedeutet, dass heute sowohl die Idee als auch die Praxis des „Antisemitismus der Vernunft“, der nicht weniger verlangt als die Vernichtung der Juden, sich hauptsächlich gegen Israel und den Zionismus richten, der Kampf gegen Antisemitismus sich also maßgeblich als Existenzkampf Israels vollzieht.

Ruft aber in Bonn ein linkes Bündnis unter dem Motto „Gedenken verteidigen“ zum 9. November auf, so erwähnt es diesen Existenzkampf selbstverständlich mit keiner Silbe. Angesichts der Tatsache, dass die gesellschaftlichen Bedingungen des Antisemitismus nicht beseitigt werden konnten, dass weiterhin die klaffenden Widersprüche zwischen den objektiven Möglichkeiten menschlichen Daseins und deren oft viel weniger als armselige Verwirklichung im Kapitalismus sich in der pathischen Projektion auf den verschworenen und mächtigen Juden – IsraÖL und USraÖL – ausdrückt, und dass zudem ein im positiven Sinne revolutionärer Zustand nicht absehbar ist, muss aber das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus einher gehen mit dem Bekenntnis zu Israel, dem Staat gewordenen Garanten jüdischer Existenz und Selbstbestimmung. All die Parolen gegen Antisemitismus, die anlässlich symbolträchtiger Daten wie dem 9. November inflationäre Verwendung finden, sind vollkommen inhaltsleer und nutzlos, wenn sie von einer Solidarisierung mit dem tatsächlichen und tagtäglichen Kampf des israelischen Staates um sein Überleben absehen – und sind zudem unglaubwürdig, wenn sie, wie in Bonn, etwa von den Freidenkern kommen, die zusammen mit den Nationalbolschewisten vom Initiativ e.V. und der jungen Welt zur antizionistischen Avantgarde der hiesigen Linken gehören. Darüber hinaus verkennt der Anspruch einer Verteidigung dieses vorgeblich richtigen Gedenkens, dass eben das formelle, wirkungslose Lippenbekenntnis zur deutschen Vergangenheit heute zum Standardrepertoire einer sich antifaschistisch gerierenden Berliner Republik gehört. Die Verteidiger des konsequenzlosen Gedenkens tun letztendlich nichts anderes als die betroffen dreinschauenden und mahnenden Exponenten deutscher Politik: an die Vergangenheit erinnern, um dann moralisch gestärkt zum Alltagsgeschäft überzugehen – was nicht zuletzt heißt, einerseits als „Friedensmacht“ Urteile über die in den USA und Israel ausgemachten Kriegstreiber zu fällen und im Gegenzug Selbstmordattentate als Widerstand zu verharmlosen.

„Gedenken verteidigen“ muss implizieren, Israel zu verteidigen, vor allem gegen den permanenten Versuch der internationalen antizionistischen Querfront, dem jüdischen Staat seine Legitimität abzusprechen. Denn ein Gedenken an die Opfer des Antisemitismus ist sinnlos, wenn es nicht die Verteidigung objektiv notwendiger Schutzmaßnahmen für alle faktischen und potenziellen Opfer dieses gewalttätigen Wahns mit einschließt, zu denen letztendlich nur Israel gewillt ist.

Thank you Donald!

Während alle Welt sich freut das die republikanische Partei in den USA die Parlamentswahl verloren hat und "Menschenrechtler" bereits das erste Tribunal gegen den nunmehr entlassenen Donald Rumsfeld vorbereiten sei an dieser Stelle nochmal eine ausdrückliche Würdigung erlaubt. Denn Donald Rumsfeld ist nicht nur wegen seiner Politik in das Visier der fanatischen und humorlosen USA HasserInnen geraten, vielmehr ist er auch durch grossartige Poems bekannt geworden.


Das schönste sei an dieser Stelle dokumentiert:

The Unknown

As we know,
There are known knowns.
There are things we know we know.
We also know
There are known unknowns.
That is to say
We know there are some things
We do not know.
But there are also unknown unknowns,

The ones we don't know
We don't know.

—Feb. 12, 2002, Department of Defense news briefing

Weitere Perlen finden sich hier.

2006-10-07

The presidents matryoshka

This is again a great bushism.
A matryoshka of U.S. presidents which a friend of mine got on a market in St. Petersburg.


















Very nice, I like this kind of stuff.
He told me that it was very difficult to find one where George W. Bush is not shown as the "devil" and the trader there also sold "Bin Laden" and "Gitler" matryoshkas.

In this moment I remembered one of these funny phrases of Bush as he said:
"They misunderestimated me"

2006-09-16

The end of "ULei"















Nu isser hin… am 15. September brachten ca. 300 Kameratten ihren „gänzenden Parlamentarier und volksnahen beliebten Politiker und guten Kameraden.“ (Zitat: Udo Voigt, NPD Partei
vorsitzender in seinem Kondolenzschreiben; Orthographie und Grammatik im Original) auf dem Königsteiner Friedhof unter die Erde.

Tja, wer zu schnell fährt... aber nein – Vielmehr sollte man den Menschen betrachten und den Nazi aussen vor lassen, wie es der sächsische Landtagspräsident Erich Iltgen kurz nach dem jähen Unfalltod murmelte.


Schade eigentlich das Leichsenring sich nunmehr dem Verfahren vor dem sächsischen Verfassungsgerichtshof um die Rechtmäßigkeit seines Ausschlusses von drei Landtagsitzungen nach seinen antisemitischen Äußerungen im sächsischen Landtag so einfach entzogen hat.

Im Mai war er von einer Parlamentssitzung ausgeschlossen worden, nachdem er in einer Debatte über die Auseinandersetzungen von Linken und Rechten am 1. Mai in Leipzig erklärt hatte, es müssten Sonderzüge eingesetzt werden, um die vielen linksextremen Gewalttäter abzutransportieren. Als Linkspartei-Fraktionschef Peter Porsch ihm entgegnete "Es gab schon mal Sonderzüge - mit Zügen kennt ihr euch ja aus", ließ Leichsenring die Bemerkung fallen, "manchmal wünscht man sie sich wieder". Der Landtagspräsident wertete dies als offensichtliche Anspielung auf die Deportation von Juden während des Nationalsozialismus.

Auch wenn es bei solchen Verfahren nicht primär um eine Bewertung seiner Aussagen gegangen wäre – eine posthume gerichtliche Feststellung das es sich bei Leichsenring um einen widerlichen Antisemiten handelte wäre ja zumindest mal was.

Allerdings könnte man dem Leichsenring auch in seiner Schachtel einen weiteren Geschwindigkeitsrausch gönnen.

So etwa:

2006-09-11

From Hitler Youth to... Papa Ratzi

Oh, oh der olle Papst ist wieder auf Reisen und besucht diesmal seine "Heimat" Bayern.
Wie gut das sich trotz der allgemeinen katholischen Benommenheit, die aus dem TV schwappt und bei der man sich fragt, ob Bayern überhaupt eine Sakulärisierung durchgemacht hat, doch noch jemand auf kritische Art und Weise Gehör verschafft hat.

"Unbekannte werfen Farbbeutel auf Papst-Geburtshaus in Marktl
Fassade wurde extra für Besuch renoviert "

Unbekannte Täter haben in der Nacht Farbbeutel gegen das Papst-Geburtshaus in Marktl am Inn geworfen. Die drei B
eutel mit blauer Farbe hätten die Front des Gebäudes getroffen, sagte ein Sprecher der Polizei in Traunstein. Der Hintergrund und das Motiv seien vollkommen unklar, Hinweise auf den oder die Täter gebe es nicht. Die Polizei ermittelte wegen Sachbeschädigung. Bis zum Besuch des Papstes in Marktl am Montagabend werde an der gerade frisch renovierten Fassade aber nichts mehr von der Farbe zu sehen sein. "Selbstverständlich kriegen wir das ab", sagte der Polizeisprecher. Eine kirchliche Stiftung hatte das Haus nach der Wahl Joseph Ratzingers zum Papst von der früheren Besitzerin gekauft und will dort ein Museum einrichten, das im kommenden Jahr öffnen soll. Die Fassade war extra zum Papst-Besuch hergerichtet worden.

Bleibt zu hoffen das dem Hr. Ratzinger in Zukunft nicht nur die Mütze wegfliegt.


















Vor allem jedoch sollte er solche
Begrüssungen unterlassen:














Denn die schlauen RedakteurInnen der britischen "Sun" haben es schon zu seiner Wahl bekannt gemacht:

2006-08-12

George W. Bush singing "Sunday bloody Sunday"








This is great bushism! >> So, switch on your loudspeaker and enjoy this!

2006-08-08

Antisemitische Amnesie

[from typoskript.net]

Angriff auf Israel


Am Sonntag, den 25. Juni 2006 gegen 5 Uhr 30 wurde Israel angegriffen. Bewaffnete Palästinenser der Hamas und des Popular Resistance Committees (PRC) drangen durch einen zehn Meter tiefen Tunnel unter dem Grenzzaun vom Gazastreifen zum Gebiet des Kibbuz Kerem Shalom auf israelisches Territorium vor, während zeitgleich Granatfeuer und Panzerabwehrraketen aus dem Gazastreifen ein Armeefahrzeug, einen Panzer und einen Wachturm der Israelischen Streitkräfte unter Beschuß nahmen. Zwei israelische Soldaten wurden getötet, vier verletzt, ein weiterer entführt.

Am Mittwoch, den 12. Juli 2006 gegen 9 Uhr 15 wurde Israel ein weiteres Mal angegriffen. Ein Kommando der Hizbollah überquerte die Grenze im Norden, griff aus einem Hinterhalt eine Routinepatrouille der israelischen Streitkräfte an, tötete acht Soldaten und verletzte weitere Soldaten und Zivilisten. Zwei Soldaten wurden entführt.

Damit mündet der Kampf um den jüdischen Staat, mithin um das Überleben der Juden im Nahen Osten, in einen neuen Krieg.

Dem vorangegangen war der monatelange Beschuss israelischer Dörfer und Städte durch palästinensische Qassam-Raketen. Neben der Hamas erwies sich gerade der bewaffnete Arm der Fatah-Partei des oft als „gemäßigt“ apostrophierten Palästinenser-Präsidenten Mahmud Abbas als besonders aktiv. Derweil verfügt die Hisbollah im Libanon über noch weit modernere und zielgenauere Raketen, die – so die begründete Befürchtung – bis nach Tel Aviv und südlicher reichen könnten. Bislang gingen 3000 dieser Geschosse auf Israel nieder, täglich sind es mehr als 100. Dutzende israelische Zivilisten wurden bei diesen Angriffen bereits verwundet oder getötet.

Neue Codes

Nach den Angriffen auf Israel fiel es selbst notorischen „Israelkritikern“ schwer, diese antiisraelische Aggression zu leugnen oder wie gewohnt als Reaktion auf Israels Politik zu rechtfertigen. Vielmehr war offensichtlich, dass Israels Rückzug aus dem Südlibanon und dem Gazastreifen erst die Terrororganisationen zum Zuschlagen ermutigte. Die einseitigen, von israelischen Sicherheitsinteressen ausgehend beinahe waghalsigen Schritte wurden als Schwäche interpretiert. Hamas und Hisbollah begannen den Krieg mit Angriffen auf israelisches Territorium, mit der Ermordung und Entführung von IDF-Soldaten, während zuvor schon über Monate hunderte Raketen auf israelisches Kernland geschossen worden waren.

Aufgrund dieser Entwicklung war es für europäische Friedensfreunde und Nahostexperten zunächst problematisch geworden, den eigenen Lügen noch Glauben zu schenken, wo sonst Schlagworte wie „Besatzung“, „Unterdrückung“, „Mauer“ und „Siedlungen“ den antisemitischen Wahn so hermetisch abriegeln.

Die Medien verhielten sich einige Tage auffällig zurückhaltend; es gab einige Spekulationen, ob dieses Mal die Berichterstattung realitätsorientierter verlaufen könnte; von einem neuen öffentlichen Stimmungsbild war gar die Rede. Wer derartig hoffte, wurde bereits nach wenigen Tagen eines Schlechteren belehrt. Denn es gab keinen Meinungswandel, nur eine kurze Paralyse derer, die auf die ersten übermächtigen Bilder des Krieges warteten, die geeignet schienen, Ursache und Wirkung vergessen zu machen.

Die antisemitische Amnesie, die die offensichtlichen Ursachen des Krieges zu verdrängen und vergessen sucht, bewirkte schnell die Erlösung in den alten Wahn; das antiisraelische Koordinatensystem war bald schon wieder justiert. Neue Codes haben sich inzwischen in altem Geiste etabliert; „unangemessen“ und „maßlos“ heißt es nun, wenn Israel um sein Leben kämpft, „bedingungslos“ solle Israel die Waffen strecken. Nicht mehr ist vom Angriff auf Israel die Rede; vielmehr beginnen die Nachrichten stets mit Israels Militärschlägen, als seien diese die eigentliche Aggression, gefolgt von Bildern ziviler Opfer im Südlibanon, so als gäbe es nur diese, um, wenn überhaupt, beiläufig die Raketen auf Haifa noch zu erwähnen, als wären diese die zwingende, beinahe logische Konsequenz der israelischen Politik. So werden Kausalketten konstruiert, die auch schlichten Gemütern suggerieren, wie Gut und Böse zu scheiden sind.

So also wird Israel dämonisiert, sein Kampf ums Überleben delegitimiert und sein Vorgehen mit doppelten Standards gemessen: Während Hamas und Hisbollah einen Krieg gegen Israel und die Juden in toto führen, sind es allein die zivilen Opfer auf arabischer Seite, die zu immer neuer Empörung und zu andauernden Weltsicherheitsratssitzungen führen. Qana – mit gestellten Bildern und erlogenen Opferzahlen – wurde zum Fanal des antiisraelischen Furors, als ob die tatsächlichen zivilen Opfer dieses Krieges nicht tragisch genug wären. Die Terrorbanden, die ihre Stützpunkte und Raketenbasen absichtsvoll in libanesischen Wohngegenden aufbauen, wissen, dass sie jedes zivile Opfer auf arabischer Seite im medialen Krieg gegen Israel als Teilsieg verbuchen können.

Die jüngsten Ausgabe des Boulevardmagazins Stern stellt schon auf dem Titel die üblichen Icons zusammen – betender Jude, Felsendom, Mauer, Panzer, Davidstern – und verspricht Aufklärung über Israel und darüber, „was das Land so aggressiv macht“. Dazu heißt es im Leitkommentar: „Israel macht es seinen Feinden mal wieder leicht, es zu verurteilen, und seinen Freunden schwer, es zu verstehen.“ Womit die Freundschaft, seit langem schon nichts als rhetorischer Ballst, nivelliert erscheint. Zum Ausweis journalistischer Liberalität lässt der Stern Jürgen Trittin, dem notorischen Pazifisten, mit Michel Friedman solange diskutieren, bis beide sich – entsprechend in Szene gesetzt – lachend im Arm liegen. Wenn die Funktionäre der „Israelkritik“ und der „Israelsolidarität“ streiten, endet dies nicht im Zorn; hierzulande treibt man es nicht bis zur nötigen Konsequenz. Es endet in konsensualer Herzlichkeit und karnevalesker Fröhlichkeit. In Israel derweil herrscht Krieg.

Alte Bilder

Die neuen Codes vom „unangemessenen“ und „maßlosen“ Vorgehen der Isralis, die „bedingungslos“ die Waffen zu strecken haben, rekurrieren hierzulande auf alte Bilder. Denn auch das Vorgehen der Alliierten gegen Nazideutschland gilt heute als „unangemessen“. Im kollektiven Narrativ vom „maßlosen“ Bombenkrieg, welches an Dresden und Hamburg erinnert und von Coventry und Rotterdam nichts wissen will, glaubt man zu wissen, dass die alliierten Militäroperationen eben nicht die notwendigen Maßnahmen zum endgültigen und dauerhaften Sieg gegen den Nationalsozialismus waren. Vielmehr behauptet man zahllose alliierte Kriegsverbrechen, und zieht so die moralische Legitimität derer in Zweifel, die kamen, um Auschwitz zu beenden und das deutsche Morden zu stoppen. Da die wütenden deutschen Aggressoren am Ende als Verlierer dastanden, projizierten sie alsbald die eigene Bestialität auf die ehedem Angegriffenen. Der Aufrechung im Gefolge der deutschen Täter-Opfer-Umkehr folgt die Abrechnung: Wo von der Maßlosigkeit der militärischen Mittel derer die Rede ist, die den Angreifer besiegten, da ist das moralische Urteil bereits umgelogen.

Dass ein mörderischer Aggressor nicht einfach nur hinter die eigenen Landesgrenzen zurückgetrieben, sondern gänzlich zerschlagen werden muss, damit ein neuerlicher Krieg eben nicht nur eine Frage der Zeit ist, auch dies ist eine Lektion des II. Weltkrieges, die in Deutschland nicht gelernt werden wollte. Tief sitzt die Demütigung über den Verlust des „deutschen Ostens“, tief die Kränkung, dass die eigene autochthone Kultur durch Demokratisierung und Reeducation zivilisiert wurde, tief auch die Selbstverachtung, den westlichen Verlockungen von Coca-Cola bis Elvis Presley nicht ganz widerstanden zu haben. Im Gerede, dass Demokratie und liberale Rechtsstaatlichkeit, ergo moderne Zivilisation, im Nahen Osten nicht fruchten können, da sie mit der regionalen Kultur nicht kompatibel seien, klingt die Schmach an, selbst unfreiwillig in den Westen gezwungen worden zu sein. Deshalb auch ist der Nahe Osten eine Projektionsfläche für den Wunsch, dass die Bezwingung der Barbaren und deren Zwangsdemokratisierung nicht abermals gelingen möge.

Rackets und Raketen gegen Israel

Doch die Hoffnung, den antiwestlichen und antisemitischen Wahn im Nahen Osten zu brechen und eine umfassende Liberalisierung und Demokratisierung in Gang zu setzen, scheint sowieso unrealistisch. Israel konzentriert sich daher allein auf die Aufgabe, konkrete Bedrohungen zu erkennen, zu minimieren und weitestgehend auszuschalten.

Der sich schließende Sicherheitszaun um die palästinensischen Gebiete ist dafür ein Beispiel. Selbstmordanschläge sind damit unwahrscheinlicher geworden, auch wenn für sie mit deutscher Förderung im Judenmörderdrama „Paradise Now“ noch als „legitime Verzweiflungsakte“ geworben wurde. Derweil entwickelten sich die selbstgebauten, hundertfach auf Israel abgefeuerten Raketen zur wirkungsvollsten Waffe in den Händen palästinensischer Banden.

Dore Gold, Leiter des Jerusalem Center for Public Affairs und vormals israelischer Botschafter bei der UNO, erklärte wenige Tage vor Ausbruch des Krieges im Gespräch mit typoskript.net, dass allein die israelische Kontrolle des Jordantals, also des Gebietes zwischen Jordanien und der Westbank, verhindere, daß noch effizientere Raketen in palästinensische Hände gelangten:
Die jüngsten Anschläge in Jordanien zeigen, daß El-Kaida immer weiter Richtung Israel vorankommt. Sie bringen ihren Terror und ihre modernen Waffen mit. Sollte es El-Kaida gelingen, ungehindert den Jordan Richtung Westbank zu überschreiten, so werden wir in Israel mit einer noch viel schrecklicheren Bedrohung als der durch Qassam-Raketen konfrontiert.“

Diese Bedrohung existiert aber schon längst – im Libanon. Die libanesische Regierung hat die letzten Jahre nicht genutzt, eine Entwaffnung der Hizbollah und die Kontrolle des Südlibanon durch die reguläre libanesische Armee zu realisieren. Dies hatten UN-Resolutionen verlangt, auf die aber nur dann mit Nachdruck verwiesen wird, wenn sie nicht auf den Schutz sondern auf die Anklage Israels abzielen. Syrien und der Iran konnten die Hizbollah ungehindert aufrüsten.

Wenn dabei immer wieder auf die Ohnmacht der libanesischen Regierung verwiesen wird, so geht dies an der Realität vorbei. Ibrahim Mousawi, Chefredakteur der Hisbollah-Zeitung Al Ahed und Leiter des Fernsehsenders Al Manar, klärt im Interview mit dem Neuen Deutschland über das gute Verhältnis der Hisbollah zur libanesischen Regierung auf:
…die Hisbollah hat noch nie gegen die Regierung gearbeitet, schließlich stellen wir zwei Minister im Kabinett. Zudem gibt es eine Vereinbarung mit der Regierung, die besagt, die Hisbollah darf gegen Israel weiter kämpfen, bis die Shebaa-Farmen und die libanesischen Gefangenen in israelischen Gefängnissen befreit sind. Diese Vereinbarung wurde beim Amtsantritt von Ministerpräsident Siniora und seinem Kabinett durch das Parlament ratifiziert. Es gibt also keine grundsätzlichen Differenzen.

Sicherheit für Israel

Was weder der Palästinenserpräsident noch die libanesische Regierung und auch nicht die EU oder gar die UNO schaffen konnten oder auch nur wollten – Sicherheit für Israel, müssen die Streitkräfte des jüdischen Staates nun im Alleingang realisieren. Dabei ist eines gewiß: Israel kann diesen Krieg nicht gewinnen. Es kann nur so weit wie möglich die militärischen Kapazitäten der Islamisten in seiner unmittelbaren Nachbarschaft zerstören, um sich für einige Monate, vielleicht für einige Jahre ein Mindestmaß an Sicherheit zu schaffen. Für Israel geht es – wie so oft – weniger um einen Sieg, sondern um die Abwendung einer Niederlage, die die Vernichtung bedeuten würde.

Die Bedingungen der Möglichkeit des sicheren Lebens in einem jüdischen Staat müssen immer wieder neu erkämpft werden. Der jüdische Sisyphos hat keine Wahl, als diesen Felsblock unablässig den Berg hinaufzuwälzen, von dessen Gipfel er immer nur wieder herunterrollt. Albert Camus schrieb, daß „sein Hass gegen den Tod und seine Liebe zum Leben“ den Sisyphos ausmachten, bei Homer schon hieß es, Sisyphos habe den Tod in Ketten gelegt. Israel müht sich, Hamas und Hisbollah in Ketten zu legen, jene also, die den Tod und nicht das Leben lieben und deshalb die Vernichtung der Juden, die ihnen als Inversion des eigenen Wahns erscheinen, herbeisehnen.

Diese Lösung ist keine Lösung, und es mag sogar wahr sein, daß Israels militärische Aktionen den Extremisten weiteren Zulauf bescheren, die Radikalisierung noch weiter vorantreiben. Doch bleibt Israel nichts anderes übrig; immer wieder ist es gezwungen, sich wenigstens die Luft zum Atmen erkämpfen, kann es doch die Islamisten gar nicht besiegen, wie es den antisemitischen Wahn nicht zerstören kann.

Zumindest kann Israel versuchen, den Wahnsinnigen die Waffen aus der Hand zu schlagen, und damit die von ihnen ausgehende Gefahr wenn nicht zu eliminieren so doch zu minimieren. Das Kalkül, dass nicht die Zahl der Extremisten sondern deren militärisches Potenzial entscheidend ist, veranlasste Verteidigungsminister Peretz zu der Ankündigung, den Libanon um zwanzig Jahre zurückzuwerfen. Die Steinewerfer der „Intifada“, die vor Kameras inszeniert vor allem die Fernsehbilder moralisch munitionierten, sind längst von den Raketenwerfern von Hamas, Hisbollah und anderen Rackets abgelöst. Schon brüstete sich der bewaffnete Arm der Fatah-Partei mit der Behauptung, chemische Kampfstoffe in ihren Qassam-Raketen einzusetzen, während der Iran durch die freundliche Bitte der UNO, wieder Inspektoren in den Atomanlagen zuzulassen, sich nicht übermäßig zu einem Entgegenkommen motiviert sieht. Nine Eleven war der Vorbote einer Zeit, da den Todfeinden der Moderne die Waffen der Moderne zur Verfügung stehen.

Dessen ist sich Israel bewusst.

Benjamin Weil
typoskript.net

[á la rechereche des temps modernes]